500. Geburtstag des Genfer Reformators Johannes Calvin

Vor 500 Jahren wurde Johannes Calvin geboren. Wie an kaum einem anderen Theologen scheiden sich an Johannes Calvin die Geister. Seine Theologie war wirkungsmächtig, sein Wesen aber bleibt beängstigend.
 
Wer war Johannes Calvin? "Ayatollah" und "theologischer Terrorist" oder Vater der parlamentarischen Demokratie? War der Jurist und Theologe ein rabiater Fundamentalist? Verdanken wir ihm den modernen Kapitalismus?

Das Reformationsdenkmal in Genf zeigt die Reformatoren Guillaume Farel, Johannes Calvin, Théodore de Bèze und John Knox (von links nach rechts).

Das Reformationsdenkmal in Genf zeigt die Reformatoren Guillaume Farel, Johannes Calvin, Théodore de Bèze und John Knox (von links nach rechts).

Weiterführende Links:
 
www.calvin.de Seite der EKD mit vielen Informationen und Links
 
Artikel von Robert Leicht in der ZEIT vom 25.06.2009


Vor 500 Jahren, am 10. Juli 1509, wird Johannes Calvin als Jean Cauvin in Noyon geboren, wo sein Vater in juristischen Diensten des örtlichen Bischofs steht. Mit 14 Jahren beginnt er seine Studien in Paris, Orléans und Bourges, zunächst mit theologischen, dann auf ausdrücklichen Wunsch des Vaters, mit juristischen Ambitionen. Nach dem Tod des Vaters wendet er sich aber doch wieder der Theologie zu. Vor allem in Paris kommt er mit dem Gedankengut Luthers und seiner Anhänger in Berührung und erlebt die ersten Protestantenverfolgungen. Im Dezember 1533 seilt sich Calvin an zusammengebundenen Leinentüchern in den Hinterhof ab, während an der Haustür schon die Schergen des Königs klopfen: Flucht und Exil bestimmen von nun an sein Leben.
 
Geprägt von Flucht und Exil

In Noyon verzichtet er auf seine Pfründe (eine Pfarrstelle, die er im Alter von 12 Jahren erhalten hatte und deren Einkünfte seine Ausbildung und seinen Unterhalt sichern sollten) – ein symbolischer Bruch mit dem Katholizismus, dem eine subita conversio, eine „jähe Bekehrung“, wie Calvin später formuliert, vorangegangen war.
In seinem Schweizer Zufluchtsort Basel erscheint 1535 die erste Auflage seines wichtigsten Werks, der „Institutio christinae religionis“ (Unterricht in der christlichen Religion). Sie beginnt mit Calvins berühmtestem Satz: „Die ganze Summe unserer Wahrheit, soweit man sie als wahr und fest ansehen darf, besteht aus zwei Stücken, nämlich in der Erkenntnis Gottes und unserer selbst.“
 
Genf wird entscheidende Wirkungsstätte

Zum praktischen Reformator wird Calvin 1936 in Genf, wo der Rat der Stadt die Einführung der Reformation beschließt und der Pastor Guillaume Farel ihn nötigt, beim Aufbau des reformierten Genfer Kirchentums zu helfen. Einfach ist sein Verhältnis zu den Genfern nicht; Calvin streitet sich mit dem Rat über Fragen der Kirchenzucht und des Abendmahls, bekommt Predigtverbot – und wird aus der Stadt gewiesen. Er wirkt hin auf eine klar gegliederte, karge, strenge, äußerst disziplinierte Kirchenordnung und eine geradezu drakonische Kirchenzucht. So sind zum Beispiel das Tragen geschlitzter Pumphosen, künstliche Haarfrisuren, Tanzvergnügungen, große Altersunterschiede bei Eheschließungen verboten.
 
Ordnung um jeden Preis
 
Welches Kleinklima hier herrschte, erweist nicht zu letzt die Tatsache, dass hier allein in vier Jahren 58 vermeintliche Hexen hingerichtet werden. Der schärfste Kritiker Calvins, der Mediziner Michel Servet, wird 1553 von der französischen Inquisition zum Tode durch ein „langsames Feuer“ verurteilt: drei grauenhafte Stunden dauerte es, bis Servet auf einem Stapel feuchten Holzes qualvoll den Tod fand. 1903 errichtete die Stadt Genf an der Stelle des Scheiterhaufens ein Sühnedenkmal mit der Inschrift: „Michael Servet gewidmet. Als ehrerbietige und dankbare Söhne Calvins, die trotzdem einen Irrtum verwerfen, dem sein Jahrhundert verfallen war, und als treue Anhänger der Gewissensfreiheit nach den wahren Grundsätzen der Reformation und des Evangeliums.“
 
Calvin hat die Reformation weltfähig gemacht

Calvin war ein rigoroser Eiferer, ein Dogmatiker des Gehorsams, ein freudloser Asket und strenger Sittenrichter, aber doch kein „theologischer Terrorist“. Vieles, was wir heute als Engstirnigkeit oder Intoleranz kritisieren, war allgemeines Gedankengut des 16. Jahrhunderts. Calvin hat aber auch für viele Grundwerte der abendländischen Gesellschaft Fundamente gelegt. Seine Genfer Kirchenordnung weist in die Richtung der späteren staatlichen Gewaltenteilung und macht ihn zu einem Erzvater der Demokratie. Auch moderner Individualismus und protestantische Arbeitsmoral, Menschenrechte und gesellschaftliche Transparenz weisen zu Calvin. Er hat wesentlich zur Ausbreitung der Reformation beigetragen. Rund 90 Millionen Menschen weltweit zählen zu den Kirchen des Reformierten Weltbundes – gut 20 Millionen mehr, als der Lutherische Weltbund verzeichnet. Und auch der hat seinen Sitz in Genf.