Verspielen die Kirchen unser Vertrauen?

Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Graf

Friedrich Wilhelm Graf, Professor für Systematische Theologie an der Universität München, hat eine Streitschrift mit dem Titel "Kirchendämmerung: Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen" veröffentlicht.

In Anlehnung an die "sieben Todsünden", die die kirchliche Tradition kennt, nennt Graf sieben aktuelle Untugenden der Kirche, die ihr zum Verhängnis werden könnten.

 

In einem Vortrag der Radiosendung SWR 2 - Aula können Sie eine Zusammenfassung seiner Thesen hören oder zum Lesen herunterladen.

 

Die Auseinandersetzung mit Friedrich Wilhelm Graf lohnt sich!

 

Weitere Links:

evangelisch.de

3sat-Gespräch mit Friedrich Wilhelm Graf auf der Leipziger Buchmesse

Christ und Welt: "Kuschelgott statt Wortgewalt"

Replik von Petra Bahr (Kulturbeauftragte der EKD): "Herr Professor Dr. Besserwisser"

"Protestant als Protestler" Gespräch mit Graf auf WDR3 Mosaik

Auszüge aus den sieben Untugenden der Kirche, wie Friedrich Wilhelm Graf sie beschreibt:

1. Untugend: Sprachlosigkeit
Maßgebend für die kulturelle Prägekraft der Reformation war die Hochschätzung des Wortes. Der Protestantismus stellt sich in einer bis dahin unbekannten religiösen Wortkultur dar. In Gottesdienst und kirchlichem Leben verschieben sich in der Reformation die Schwergewichte von einer sakramental-mystischen, ritualisierten Frömmigkeitspraxis hin zum gesprochenen Wort – und infolgedessen gab es auch eine enorme Entwicklung der Schriftkultur.
Dagegen gibt es heute in der evangelischen Kirche ein großes Misstrauen und eine Verachtung der Wort- und Schriftkultur. Die für den protestantischen Gottesdienst traditionell kennzeichnende Konzentration auf die Wortverkündigung wird zunehmend abgelöst von neuen Formen symbolischer Interaktion. Die alte Predigt wird zumeist als allzu intellektuell und abstrakt verworfen, als ein kommunikativer Akt, der bestenfalls den Kopf des Hörers, aber niemals „den ganzen Menschen“ erreichen könne – obwohl viele evangelische Christen immer noch wegen der Predigt in den Gottesdienst gehen und gerade von ihr besonders viel erwarten. Stattdessen werden Formen symbolischer Kommunikation gesucht. Viel Distanzlosigkeit und Gefühlsduselei gehen damit einher. Emotionen, subjektive Befindlichkeiten, das Sich-Wohlfühlen rücken ins Zentrum. Das erste Gebot dieses neuen Kults von Einfühlsamkeit und Herzenswärme lautet: Fühle Dich endlich wohl! Wo wird das Christentum zu einer Wellness-Religion gemacht, zum schlichen Glauben, sich richtig gut fühlen zu sollen.

2. Untugend: Bildungsferne
Philipp Melanchthon begründete die Einheit von Glaube und Bildung für den christlichen Glauben. Der Zuwendung Gottes zur Welt und zum Menschen entspreche die menschliche verstehende Durchdringung von Glaube, Welt und Menschsein. Für den Christenglauben sei Bildung deshalb unverzichtbar.
Friedrich Schleiermacher erneuerte im 19. Jahrhundert mit großen Nachdruck jenes Leitbild des Pfarrberufes, das seit der Reformation in Deutschland prägend war: Der Pfarrer sollte die freimachende Wahrheit des Evangeliums als gegenwartsrelevantes religiöses Orientierungswissen auslegen und als gebildeter Vermittler der christlichen Überlieferung die Gemeindeglieder zu individueller, selbständiger Aneignung der Glaubensüberlieferung ermutigen. Als Repräsentanten akademischer Bildung sollten die Pfarrer bei den Mitgliedern ihrer Gemeinde Bildungsprozesse initiieren und insbesondere für die Erziehung und Bildung der Jugendlichen Mitverantwortung übernehmen.
Diese alten Ideale einer Einheit von protestantischer Religion und Bildungskultur sind weithin verloren gegangen. Sie werden von vielen Pfarrern abgelehnt, aber auch in den Gemeinden herrschen viele antiintellektuelle Reflexe vor. Für den in der evangelischen Kirche derzeit vorherrschenden Stil religiöser Kommunikation ist die Annahme leitende, dass der gebildete Christ der Vergangenheit angehört. Es gibt in der evangelischen Kirche derzeit einen Trend zur Infantilisierung des Christlichen, zu einem Stil religiöser Kommunikation, der sich primär an Kinder und andere vermeintlich Unmündige richtet. Der Glaube soll in einer abstrakten Welt eine kleine Gegenwelt als bergende Heimat erzeugen. Wer aber nur auf Trivialisierung, „Seid nett zueinander!“-Moralismus und Rückzug ins Ghetto der Gleichgesinnten setzt, beschreitet einen Irrweg. Er treibt gerade jene Menschen aus der Kirche hinaus, die die Normenbildung und Wertorientierung in unserer Gesellschaft stark beeinflussen.

3. Untugend: Moralismus
Den Kirchen wird in der Bundesrepublik Deutschland (immer noch) viel Moralmacht eingeräumt. Die Kirchen, insbesondere die römisch-katholische Kirche versuchen sie in Anspruch zu nehmen und kommunizieren vor allem moralisch. In rechthaberischer, besserwisserischer Weise versuchen Sie einer ganzen Gesellschaft vorzuschreiben, was richtig und falsch ist und wie die Menschen zu leben haben.
Alle Jahre wieder wird in den Weihnachtspredigten der Bischöfe nur billige Trivialmoral unters Volk gebracht. Zwischen Religion und Moral ist aber zu unterscheiden, wie der Fall Margot Käßmann zeigt. Denn nach evangelischem Verständnis gehören Pfarrerinnen und Pfarrer keinem besonderen geistlichen Stand an, sie haben keine höheren Weihen, der ihnen erlauben könnte, andere zu bevormunden. Das Pfarramt wird protestantisch strikt funktional, vom Verkündigungsauftrag her, definiert. Die Protestanten kennen keine Heiligen, die man um Schutz und Hilfe anruft. Sie haben jeden Christen zum Heiligen erklärt, der aber immer auch ein notorischer Sünder bleibt. Nicht die Kirche steht deshalb im Zentrum protestantischen Denkens, sondern die aktive Durchdringung der Welt mit dem Geist christlicher Freiheit.

4. Untugend: Demokratievergessenheit
Die Kirchen haben eine lange Geschichte der Demokratiefeindschaft, die bis heute nachwirkt. Aus der gepredigten Allmacht Gottes wird allzu leicht und allzu oft Macht und Autorität für sich selbst abzuleiten versucht. Besonders der hierarchisch organisierten römisch-katholischen Kirche fällt es schwer, andere Meinungen zu akzeptieren. Viele Stellungnahmen beider großen Kirchen sind von einer Besserwisserei geleitet, die den elementaren Kriterien des demokratischen Diskurses nicht gerecht werden. Demokratie ist eine Herrschaftsform, die Unterschiede zulässt, keinen moralischen oder religiösen Vergemeinschaftungszwang kennt und dem Individuum einen großen, aber immer gefährdeten und umkämpften Eigenraum des privaten lässt.
Das Christliche selbst ist religiös vielfältig, in seinen zentralen Symbolen äußerst spannungsreich und auch in ethischer Hinsicht vielgestaltig.
Individueller christlicher Glaube kann von Christen politisch ganz unterschiedlich konkretisiert werden. Glaubensmotive lassen sich mit höchst heterogenen politischen Vorstellungen und Zielen verbinden.

5. Untugend: Selbstherrlichkeit
Die römisch-katholische Kirche erlebe derzeit ihre tiefste Krise seit 1945, sagt Alois Glück. Der Umgang mit den zahlreichen aufgedeckten Missbrauchsfällen gab ein beredtes Zeugnis über die Selbstherrlichkeit der römisch-katholischen Kirche. Der Vertrauensverlust der Kirchen ist dramatisch. Auch unter evangelischen Kirchenfunktionären lässt sich viel neue Selbstherrlichkeit beobachten. Auch unter evangelischen Geistlichen in Leitungsämtern herrscht Hierarchiesucht, manche protestantische Bischöfe sind immer episkopaler, autoritätssüchtiger geworden.

 

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6. Untugend: Zukunftsverweigerung
Dem äußeren Zerfall entspricht der innere Druck, Kirche immer mehr als perfekte Gemeinschaft inszenieren zu wollen. Dies führt zur inneren Gleichschaltung, zum Zwang, durch unbedingte Harmonie und restlose Übereinstimmung eine wahre Kirche als Gegenüber zur Gesellschaft mit dem Zug zur Totalvergemeinschaftung des Menschen abzubilden. Das Modell der Volkskirche als einer offenen Kirche wird aufgegeben. Der Pluralismus als Kennzeichen dieser Kirche wird von linksprotestantischen wie von evangelikalen Gruppen für illegitim erklärt, die eigene Position wird zur einzig christlichen Position stilisiert. Eine homogene Freiwilligkeitskirche zieht sich auch aus der pluralistischen Gesellschaft zurück.

7. Untugend: Sozialpaternalismus
Diakonie und Caritas sind Großverbände geworden, die in erster Linie an Besitzstandswahrung interessiert sind und der Sozialfürsorge dienen. Sie haben ihre Angebote immer stärker ausgeweitet und neben ihren klassischen religiösen Kernprodukten alle möglichen anderen Erzeugnisse mit ins Angebot genommen. Durch die Expansion des Angebots ist das Profil der Kirchen unscharf geworden. Kirchliches, speziell evangelisches diakonisches Handeln müsste statt entmündigender Sozialfürsorge stärker die Fähigkeit zur Autonomie fördern. Aber Autonomie zu gewähren oder mit professioneller Distanz die Freiheit der Assistenzbedürftigen ernst zu nehmen, schließt unumgänglich die harte Anstrengung ein, ein sehr viel distanzierteres Verhältnis zu sich selbst zu gewinnen. Es fordert, Reflexivität zum eigenen Verhalten aufzubauen.


Abschließend stellt Graf fest: „Das Amt des Gemeindepfarrers muss wieder attraktiver gestaltet werden als bisher. … (D)ie evangelische Kirche (bedarf) einer Pfarrerschaft, die gebildet, rational und klug das protestantische Verständnis der neutestamentlichen Freiheitsbotschaft zu vertreten vermag. An ihren Pfarrern und Pfarrerinnen entscheidet sich die Zukunft der evangelischen Kirche.“